Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Sie kommen!

Veröffentlicht am 25.01.2018

Einkaufswagen - das war das Thema der Story-Werkstatt. Welche Geschichten kann man mit Hilfe  eines Einkaufswagens entwickeln? Von Science Fiction bis Romantik - alles kann passieren. 

In der Spur

Er hatte es wirklich nicht gewusst. Zeit seines Lebens wurde er tagein , tagaus benutzt, gefüllt, geleert und wieder in eine Reihe verschoben. Bis zum Anschlag, gefühllos bis an die Schmerzgrenze. Und einer grenzenlosen Langweile ausgeliefert.

 Er hatte nicht gewusst, dass er sprechen konnte, sogar schreien .Er, er gehörte zu der seltenen Art der sprechenden Einkaufswagen.

An einem kaltem  Herbstabend war es wieder so weit. Wegen zweier lächerlichen Konservendosen und einem Brot vom Vortag war er durch den Laden geschoben worden, von einer ältlichen Person, die jeden Abend zur gleichen Zeit kam. Wie immer lief sie einfallslos an den Regalen vorbei, gönnte sich nichts anderes als „Erbsen fein“, Thunfisch in Öl und ein altes Brot, zum halben Preis. An der Kasse hatte sie das Geld so gut wie abgezählt und eilte in die Kälte hinaus. Draußen packte sie alles in  ihre Nylontasche, die sie zuvor , zusammengefaltet in ihrer Handtasche, verwahrt hatte und schob ihn achtlos in Richtung  der anderen Wagen.

„Nein,“ schrie er auf, „es reicht mir !“

 Seine leicht heisere Stimme überraschte nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Benutzerin. Die Einkaufstasche fiel ihr fast aus der Hand, und sie schaute pikiert auf diesen Einkaufswagen. Gerade noch hatte sie ihn in die Reihe schieben wollen, und jetzt  entpuppte er sich als ein Wagen, der sich lautstark  dagegen wehrte, eingeordnet zu werden.

In  keinster Weise wunderte sie sich, dass er sprechen konnte. In dieser heutigen Welt erschien ihr alles möglich. Doch dieses mangelnde Pfichtbewusstsein  stieß ihr unangenehm auf. Ein Einkaufswagen hatte nun mal nach einem Einkauf zurück in die Reihe seinesgleichen geschoben zu werden.

Was sollte sie da sagen. Seit 32 Jahren versah sie den Beruf einer Bibliothekarin in der hiesigen Bücherei. Ordnete und sortierte, führte die Kartei und benötigte dazu keinen PC. Da sich die Leser immer mehr in Grenzen hielten, war es ein leichtes, den Überblick zu bewahren.

Sie warf diesem Wagen einen strengen Blick zu und ihre Augenbrauen zuckten leicht nach oben:

„Darf ich wissen, was dir reicht ?“ fragte sie in Richtung seines Handgriffes. So ganz genau, wusste sie nicht, in welche Richtung sie sprechen sollte.

„Ich habe es satt, jede Nacht im Dunklen hier zu stehen. Es langweilt mich. Auch das Leben eines Einkaufswagen kann nicht nur aus Warten bestehen.“

„Und das wäre ? Also, was ist für dich das Gegenteil von Warten ?“

„Etwas erleben, irgendetwas Ausgefallenes. Zum Beispiel, einfach die Straße hinunterrollen und nicht wissen, was um die Ecke auf mich zukommt,“ tönte die Stimme des Wagens , inzwischen hörbar klar, „ genau, mit dem Unerwarteten rechnen.“

„Mit dem Unerwarteten rechnen“ ,wiederholte die Bibliothekarin leise.

In ihrem langen Berufsleben war ihr vieles begegnet, selten etwas Überraschendes. Ausgenommen heute Vormittag, als sie zu einem Gespräch mit ihrem Dienststellenleiter bestellt wurde. Nach einer kurzen Nachfrage ob ihrer Gesundheit, eröffnete er ihr knapp, dass man sie in den Vorruhestand versetzen würde. Die Bibliothek würde zu Gunsten eines Internet – Cafes geschlossen werden und damit ihre Stelle zum Jahresende hinfällig. Er schüttelte ihr freudlos die Hand und schickte sie zwecks  Papieren in sein Sekreteriat.

Es fröstelte sie langsam. Ihre Einkaufstasche mahnte sie  daran, nach Hause zu gehen und ein Essen zuzubereiten.

Gerade wollte sie dem Einkaufswagen  seinen Platz zuweisen, da überkam sie ein plötzlicher Entschluss. Entschlossen schob sie ihn an seinem Standplatz vorbei, die Straße entlang, bis diese leicht bergab fiel. Dort gab sie ihm einen Schubs, der ausreichte, ihn immer schneller hinunterrollen zu lassen.

Abwartend blieb sie einen Moment stehen und lauschte. Würde ihm etwas zustoßen, an der nächsten Ecke? Würde er schreien, rufen ?

 Als alles still blieb, drehte sie sich um und ging nach Hause. Sorgfältig zog sie ihre Haustüre hinter sich zu und legte die Sicherheitskette vor.

Ursula Ziemsen

 

Gefährlicher Einkauf

Sieben Uhr morgens, es ist schon hell, Vogelstimmen dringen in mein Schlafzimmer und ganz langsam in meinen Kopf. Plötzlich kracht laute Musik in die morgendliche Stille! Der Wecker! Unbarmherzig und eindeutig zu weit weg von meinem Bett. Es hilft nichts, wenn ich diesen Terror stoppen will, muss ich aufstehen. Jeden Morgen das Gleiche! Warum muss man morgens aufstehen? Der nicht erreichbare Wecker ist die erfolgreichste und zugleich schrecklichste Idee, um mich aus dem Bett zu bekommen. Meine Mutter erzählt mir oft, dass ich schon als Baby viel geschlafen habe; das hat sich bis heute nicht geändert. ,

Vorsichtig drehe ich mich auf die Seite und lasse meine Beine unter der Bettdecke herausschauen. Gott sei Dank ist Sommer! Kein Kälteschock, sondern warme Sonnenstrahlen die auf meine noch etwas lahmen Beine fallen.

So, Kopf hoch und raus aus dem Bett und dieses verdammte Ding ausstellen.

Heute habe ich mir vorgenommen, noch vor der Arbeit einzukaufen. Dann kann ich es mir am Nachmittag an der Isar gemütlich machen. Im Büro wird heute einiges los sein. Für heute ist eine Prüfung angesetzt. Da ich die Beauftragte bin, muss ich dafür sorgen, dass alles gut vorbereitet ist. Daher gehe ich in Gedanken noch mal meine Listen durch. Das wird klappen, mache ich mir Mut.

Erstmal Duschen, das macht wach. Frühstücken kann ich später. Ich ziehe mich schnell an, gehe zum Auto und fahre zum Edeka. Netterweise haben die schon um 7 Uhr geöffnet.

Es ist heute sehr ruhig. Erstaunlich! Normaler Weise sind deutlich mehr Leute am Morgen beim Einkaufen.

Ich hole mir einen Einkaufswagen und betrete den Shop. Mir fällt sofort auf, dass nicht einmal Musik ist zu hören. Ein komisches Gefühl breitet sich in mir aus. Ach, Quatsch, die haben wahrscheinlich auch nicht ausgeschlafen und vergessen die Musik anzumachen.

An einem großen Spiegel gehe ich vorbei und bemerke, dass ich vergessen habe, meine Haare zu kämmen. Was wahrscheinlich kaum jemandem auffallen wird, bei meinem Lockenkopf. Außerdem ist sowieso niemand da.

Ich gehe erstmal in Richtung Milch. Alles Still, oder? Irgendwie eine komische Stimmung hier. So langsam fühle ich eine Gänsehaut an mir hoch steigen. Da, ich höre das Rollen eines Einkaufswagens. Ich atme auf, doch nicht allein. Schnell gehe ich um die nächste Ecke, in der Hoffnung jemanden zu entdecken. Im Moment wäre mir jeder recht. Nichts! Langsam und mich suchend umsehend gehe ich weiter, es wird kälter. Ich kann meinen Atem sehen. Mir fällt auf das alle Gefriertruhen geöffnet sind. Das Licht in den Regalen flackert unruhig. Um mich zu warnen? Ich versuche mich zu beruhigen: es ist nur ein Einkaufscenter. Alles gut. Plötzlich werde ich von hinten gerammt, ein Einkaufswagen ist mir in die Beine gefahren. Wütend vor Schreck und Ärger drehen ich mich um, kein Mensch zu sehen, nur ein Einkaufswagen der bewegungslos hinter mir steht. Panik erfasst mich. Ich halte mich an meinem Wagen fest. Plötzlich fängt der an zu zittern und versucht sich von meinen Händen freizumachen. Ich klammere mich an ihm fest doch mit einem festen Ruck reißt er sich los und verschwindet in dem nächsten Gang.

Vor Schreck stehe ich kurz still – dann laufe ich los. Wo ist der Ausgang?  Ich finde ihn nicht! Stehen bleiben, erstmal denken.

Ich kann nicht denken. Das Licht geht aus.

Ganz deutlich höre ich jetzt ein weiteres Fahrgeräusch, diesmal von links herkommend. Ich bin nervös, kleine Schweißperlen bilden sich in meinem Gesicht.

Verdammt, es muss doch irgendwo jemand hier sein! Das Rollen der Wagen wird immer lauter. Wo fahren sie?! Die Fahrgeräusche kommen direkt auf mich zu, bedrohlich steigt der Geräuschpegel an und dann schießen plötzlich von allen Seiten kommend Einkaufswagen hervor und stoßen mit gewaltigen Kräften und donnerndem Krach aufeinander.

Ich schrecke hoch! Nass geschwitzt werde ich wach und bemerke erleichtert, dass ich in meinem Bett liege. Ich bin doch tatsächlich wieder eingeschlafen! Erleichterung breitet sich in mir aus, nur geträumt! Gott sei Dank!

Jetzt nichts wie raus aus dem Bett und tatsächlich einkaufen. Obwohl, ein bisschen mulmiges Gefühl habe ich schon. Ach, Blödsinn, mache ich mir Mut. Schlecht geträumt, das ist alles. Ich versuche den Traum zu verdrängen und gehe unter die Dusche.

Das Frühstück überspringend laufe ich zum Auto, um den Einkauf noch vor der Arbeit zu schaffen.

Es ist jetzt 8 Uhr und der Parkplatz ist leer! Na gut, die haben wahrscheinlich auch verschlafen, die sonst immer zum einkaufen gehen.

Ich steige aus und schaue zum Eingang. Dort stehen die Einkaufswagen - in meiner Richtung! Niemand ist da, niemand schiebt, doch ganz langsam und bedrohlich fahren sie auf mich zu. Das Fahrgeräusch wird immer lauter, die Wagen werden immer schneller. Ich kann mich nicht bewegen.

 Sie kommen!

Gudrun Paul



Prototyp
„Herrschaftszeiten, wer hat denn des Glump mitten in Gang nei gstellt!“

Mit schmerzverzerrter Miene rieb sich Karl mit der einen Hand sein Schienbein, während er mit der anderen nach dem Lichtschalter tastete. Er versetze dem  Grund seines Missgeschicks einen heftigen Tritt. Scheppernd krachte das sperrige Ungetüm gegen den metallenen Garderobenständer. Der wiederum neigte sich bedenklich in  Karls Richtung. Obwohl Karl beileibe nicht mehr zu den Jüngsten gehörte, gelang es ihm durch eine schnelle Drehung eine direkte Konfrontation mit dem messingfarbenen Schwergewicht zu verhindern.

Der Lärm war unbeschreiblich als sich die goldenen Haken in das polierte Chromgestänge des Einkaufswagens bohrten.

„ Hallo, hallo, Hilfe, Hilfe!“ Elsa begann mit jämmerlicher Stimme ihren vertrauten Singsang. Karl öffnete behutsam die Tür zu ihrem gemeinsamen Schlafzimmer. Elsa saß kerzengerade am Bettrand und nestelte an den Knöpfen ihres Nachthemdes. Stereotyp stampfte sie mit ihren nackten Füßen auf den Holzboden, auf dem sich ein Muster öliger Flecken abzeichnete. Die Pflegerin hatte Elsa noch sorgfältig für die Nacht eingecremt, bevor sie ihren Dienst beendete.

„ Wer sind Sie? Haben Sie einen Termin?“, unterbrach Elsa ihre Hilferufe.

„ Ist schon gut Elsa. Ich wollt dich nicht wecken. Hundertmal hab ich dir schon gesagt, du sollst den Einkaufswagen nicht immer im Gang stehen lassen.“

Karl schob Elsas Beine  unter die Bettdecke. „ Leg dich hin, ich komm ja gleich!“ „ Was fällt Ihnen ein! Verlassen Sie sofort das Geschäft! Wir haben geschlossen!“ Erzürnt richtete sich Elsa auf und wies dem vermeintlichen Eindringlich mit ausgestrecktem Zeigefinger die Tür.

Karl verließ das Schlafzimmer, aus dem unmittelbar danach wieder Elsas Klagen zu hören war:“ Hilfe, Hallo, Hallo, Hilfe!“

Karl stand unschlüssig vor dem ramponierten Garderobenständer, der  in enger Umschlingung mit dem Einkaufswagen verbunden war. Karl wusste, dass er das in Ordnung bringen musste, bevor Elsa ihre Nachtruhe beendet hatte. Ihren geliebten Einkaufswagen so demoliert vorzufinden, würde unweigerlich einen tagelangen Weinkrampf nach sich ziehen.

Seit 45 Jahren war der Einkaufswagen fester Bestandteil Ihres gemeinsamen Lebens. War er doch der Grund ihres Kennenlernens und ihrer Liebe.

 Es war 1950, Karl war Fillialleiter, als sich auch in Deutschland das Prinzip der Selbstbedienungsläden durchsetzte. Als Erster und Einziger berichtete er, der Konzernchefin der  Rheinlandhalle in Köln Elsa Eklöh von seinen Erfahrungen mit den neuen Supermärkten in USA. Sein Vorschlag dieses Geschäftsmodell zu kopieren und einige dieser neuartigen, fahrbaren Drahtkörbe, zu importieren, war sein Sprungbrett zu einer steilen Karriere. Mit Hartnäckigkeit und bayerischem Charme bei den geschäftlichen Interaktionen  machte er sich bei Elsa Eklöh unentbehrlich. Die Hochzeit war der Beginn einer glücklichen Ehe. Das Hochzeitsgeschenk der Geschäftsfreunde, ein Einkaufswagen aus poliertem Chrom mit festem Korb und nachlaufenden Räder, das neueste Modell.

Viele Jahre stand dieser Einkaufswagen als Dekorationsstück in den Schaufenstern ihrer Filialen. Als sich Franz und Elsa aus dem Geschäftsleben

zurückzogen, bekam der Einkaufswagen einen Ehrenplatz in der Eingangshalle ihrer Villa.

Es war ein heißer Augustmorgen, als Karl aufwachte und das Bett neben ihm leer war. Elsa war wohl früher aufgestanden.  Doch Karl konnte sie nirgendwo finden. Als er durch die Eingangshalle ins Freie trat, fiel es ihm sofort auf. Der  Einkaufswagen war weg. Wäre nicht der kostbare Isfahan noch da gewesen, den Elsa gekauft hatte, um den Wert des Einkaufswagens zu unterstreichen und ihm einen würdigen Stellplatz zu geben, hätte Karl die Polizei gerufen. So aber machte er sich auf den Weg, um Elsa zu suchen.

Gerade als  Karl die ersten Häuser des nahe gelegenen  Dorfes erreicht hatte, kam Elsa im freudestrahlend entgegen. „ Du musst dich um den Dorfladen kümmern. Sie haben ein so schlechtes Sortiment, dass ich nichts kaufen konnte. „ Und warum hast du den Einkaufswagen dabei?“ Elsas Fröhlichkeit war mit einem Schlag verschwunden. Sie winkte Karl mit dem Zeigefinger heran und flüsterte ihm ins Ohr: „ Er ist ein Prototyp. Es ist zu gefährlich ihn allein zu lassen. Er könnte gestohlen werden.“ „ Aber Elsa, es ist doch nur ein Einkaufswagen?“

Elsas Augen füllten sich mit Tränen: „ Aber sie wollen ihn zerstören! Ich habe sie gesehen. Sie lauern ihm auf!“ Wortlos legte Karl seinen Arm um Elsa.  Mechanisch schob er sie vor sich her, während in seinem Kopf seine Gedanken wie Meereswellen aufeinander prallten. Machtlos sah er sein vergangenes Leben und sein zukünftiges sich duellieren. Elsas Knöchel traten weiß durch die dünne faltige Haut ihrer Hände, so sehr umklammerte sie den Griff des Wagens. 

Karls Knöchel traten weiß hervor als er versuchte die geschwungenen Haken des Garderobenständers aus den verchromten Stäben herauszubiegen.

"Deutsche Wertarbeit“ murmelte er, als einer der Kleiderhaken mit einem leisen Plopp aus der Halterung brach. Die glänzenden Stäbe des Wagens schienen ihn anzustrahlen: „ Keine Sorge, wir überstehen euch alle. Wir sind das härteste Metall aller Elemente !“

Karl platzierte den Garderobenständer so, dass die Beschädigung nicht auf den ersten Blick auffiel, so als verberge der Kleiderständer verschämt seine lädierte Seite, Als Elsa am Morgen die Eingangshalle betrat steuerte sie sofort auf den Einkaufswagen zu, ohne den Garderobenständer eines Blickes zu würdigen.

Sie hatte alle Sofakissen bei sich, die sie finden konnte und schlichtete diese sorgfältig in den Einkaufswagen: „ Komm Karl, wir wandern aus nach Amerika. In seine Heimat. Die Gefahren hier sind zu groß.“

„ Ja, wenn wir bis zum Mittagessen wieder daheim sind, komm ich mit.“

„ Aber natürlich mein Lieber,“

Prüfend blickte Elsa sich um, bevor sie los marschierte, den Wagen behutsam vor sich herschiebend. Karl schlug seinen Mantelkragen hoch. Immer wenn ihnen Dorfbewohner begegneten, tippte er grüßend an seine Hutkrempe.

Doris Kronawitter

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?