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Spannung erzeugen - aber wie?

Veröffentlicht am 18.03.2019

Pageturner nennt man das Phänomen, wenn man sich festliest und das Buch überhaupt nicht mehr aus der Hand legen kann, weil die Spannung unerträglich wird. Wie man das macht? Hier ein paar Beispiele von Teilnehmerinnen aus der Schreibwerkstatt.

 Eis

Im Radio lief Musik und ich sang laut mit und war froh, dass niemand mich hören konnte. Ich freute mich so sehr, einige Tage der Hektik der Großstadt zu entkommen. In Gedanken war ich schon bei meiner Ankunft in  dem kleinen Wochenendhaus. Zuerst würde ich alle Türen und Fenster zum Lüften öffnen, die Öfen ausräumen und einheizen. Ich würde  den Weg zur Straße vom Schnee freischaufeln, meine Sachen ins Haus bringen und danach noch den Weg zum Plumpsklo, ums Haus und zum Schuppen räumen. Ich fühlte mich frei und leicht. Hätte ich gewusst, was auf mich wartet, ich wäre wahrscheinlich erst gar nicht losgefahren.

Alles war so wie ich es mir ausgemalt hatte. Der Weg bis zu unserem Haus am Waldrand war frei vom Schnee und so fuhr ich vorsichtig auf unseren Parkplatz zwischen den Bäumen zu. Die hohen Bäume aber hatten verhindert dass die Sonne das Eis auf dem weiterführenden Waldweg wegtaut und als ich auf den Parkplatz einbiegen wollte, geriet ich auf das Eis und verlor die Kontrolle über den Wagen. Der ganze Weg ab dem Waldrand war spiegelglatt und hatte ein leichtes Gefälle. Wie bei einem wilden Tanz  schlitterte und schlingerte das Auto hin und her. Schnell legte ich den zweiten Gang ein. Sofort hörte das Schlingern auf und nun rollte ich eher,  statt zu rutschen. Doch auch der kleinste Versuch zu bremsen ließ das Auto sofort wieder hin und her schwingen. Die Bäume rechts und links zogen wie in einem Film in Zeitlupe an mir vorbei. Es gelang mir nicht die Vorwärtsbewegung aufzuhalten. Nein, ganz im Gegenteil ich hatte den Eindruck immer schneller zu werden. Ich dachte daran, das Auto an einem Baum zum Halten zu bringen. Voll Panik schrie ich einige Male auf, aber das Auto reagierte nicht darauf und folgte unbeirrt seinem Kurs. Jetzt kam eine leichte Kurve nach rechts. Durch kleine Lenkbewegungen gelang es mir, in der Mitte der Fahrbahn zu bleiben.

Meine Hände waren schweißnass. Ich klammerte mich krampfhaft an das Lenkrad. Es musste mir gelingen das Auto irgendwie anzuhalten. Ich wusste, nur noch wenige Meter, dann fällt die Strasse steil ab. Da, im letzten Moment sah ich den kleinen Waldweg, der links vom Hauptweg abzweigte. Reflexartig lenkte ich darauf zu. Das linke Vorderrad geriet in den Schnee und bremste leicht ab. Das Heck aber rutschte weiter. So drehte sich das Auto quer zur Fahrtrichtung. Ich presste fest meine Augen zu und stieß einen hilflosen Schrei aus. Doch unaufhaltsam rutschte es mit mir  über die Kuppe und in den Abgrund.

Elisabeth Fischer

 

 

Durch die Nacht 

Lautlos glitten die Reifen über den hellgrauen Asphalt. Wie ein Raumschiff zerschnitt ihr Jaguar die heiße Wüstenluft und die weite Landschaft zog im Flimmern der Hitze an ihr vorüber. Sie wollte schnell sein, nur auf und davon fliegen. Sie lächelte, atmete tief ein, und dann trat sie ungehemmt auf das Gaspedal. Die Beschleunigung presste ihren Körper in die Lehne des Sportsitzes. Raum und Zeit verzerrten die Silhouette der Landschaft und sie floss zäh an den getönten Fensterscheiben vorbei. Auf der Motorhaube sah sie die Raubkatze, die sich geduckt, wie zum Absprung bereit, zu ihr umdrehte und die Zähne fletschte. Sie löste den Gurt, ließ das Lenkrad los und beugte sich nach vorn. Langsam streckte sie ihren Arm nach dem Tier aus und griff dabei durch das Glas der Frontscheibe. Es war geschmeidig wie Wachs und gerade als sie den enormen Luftstrom der Geschwindigkeit auf der Hand spürte, wurde sie komplett nach draußen gezogen. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr, sie schlingerte und verlor die Kontrolle, abgezogen von allem irdischen, als sei sie ein Blatt im Strudel eines gewaltigen Tornados. Das alles geschah so lautlos, wie nicht einmal die Nacht es sein konnte. Doch der Sturm tobte sichtbar, sie driftete immer weiter nach oben und gerade flog sie einem blendenden Lichtstrahl entgegen, als sie plötzlich ein Geräusch hörte. Sehr leise und gedämpft drang es durch ihren Traum. Davon irritiert, verlor sie an Geschwindigkeit, trudelte und taumelte, merkte, wie sie fiel und wollte schreien, doch wieder verließ kein Laut ihren Mund. Der einzige Ton den sie hörte, war ein Klopfen. Als er in ihre Ohren drang, riss sie die Augen auf. Einen Moment lang starrte sie in die Dunkelheit, die sie umfing, dann erinnerte sie sich. Sie befand sich im Schlafzimmer ihres Hauses am Rande der Stadt – und sie war allein.

Seit ein paar Wochen stand Lindas Leben Kopf. Tudor, ihr Mann, hatte nach all den Jahren beschlossen, sich von ihr zu trennen. Die Wucht seiner Entscheidung hatte sie hart getroffen und wo er jetzt seine Nächte verbrachte, wusste sie nicht. An das Alleinsein hatte sie sich noch nicht gewöhnen können. Wilde Träume wie dieser begleiteten sie Nacht für Nacht. Jetzt hörte Linda von unten ein gedämpftes Poltern, eine eilig geschlossene Schranktür. Sie erschrak und zog schnell die Decke über sich. Es konnte Einbildung sein, ein letzter Fetzen ihres Traumes. Panisch versuchte sie, sich selbst zu beruhigen und wollte im ersten Moment einfach unter der Decke versteckt bleiben. Da fiel ihr Stromer ein, ihr Labrador-Retriever, der unten im Hausflur schlief. Nein, sie musste nachsehen, was los war.

Also stieg sie aus dem Bett, strich über ihr Nachthemd und öffnete leise die Schlafzimmertür. Ihr Herzschlag pulsierte plötzlich so stark in den Ohren, dass er das leise Klappen unten in der Küche fast übertönte. Doch es war da. Als Linda von der obersten Stufe vorsichtig nach unten schaute, meinte sie, durch das Dunkel eine Bewegung vor dem Küchenfenster zu erblicken. Oder spielte ihr das einfallende Licht des Mondes einen Streich? Langsam setzte sie den nackten Fuß auf die erste Stufe und hielt sich mit zitternder Hand am Geländer fest. Warum hatte Stromer nicht gebellt? Sein Korb am Ende der Treppe war leer. Vorsichtig schritt sie die Stufen weiter hinab. Da war es wieder, dieses Mal aus dem Wohnzimmer. Linda spürte, wie ihr ein eisiger Schauer über den Körper lief. Ihr fiel der Waschbär ein, der sie neulich so erschreckt hatte, als er sich hinter dem Haus über Reste in der Mülltonne hatte hermachen wollen. Sie war vom Scheppern des Tonnendeckels wach geworden und vorsichtig durch den Garten geschlichen. Gerade wollte sich Linda einreden, es sei wohl wieder ein hungriges Tier zu Besuch, als sie einen fremden Körpergeruch wahrnahm. Nein, das hier war kein Tier. Dieser herbe Duft, das war ein Mann und er war in ihrer Wohnung. Sie war fast auf der untersten Stufe angelangt, als diese plötzlich unter ihr knarrte. Es war zu spät um das Gewicht zurück zu nehmen. Sie verharrte, jeder Muskel unter dem Nachthemd war straff gespannt. Im gleichen Moment stoppte das Geräusch im Wohnzimmer. Es wurde still im Haus am Rande der Stadt.     CW 

 

 Wie ein schwarzes Tier

Ich wusste viel über unser  Bauernhaus. Es war 200 Jahre alt und Hornissen wohnten in den Holzbalken. Ein uralter Mostbirnenbaum drohte bei jedem Sturm auf das Dach zu fallen, und auf der Nordhangseite könnte auch einmal eine Schlammlawine von den Feldern herunterziehen. Aber ich wusste nicht, dass die eigentliche Gefahr auf der Südseite lag. Ein kleiner, unscheinbarer Bach und ein Drainagegraben, direkt an unserer Zaungrenze, sie beide zogen braunsuppig und träge durch die Wiesen. Wie sollte ich ahnen, dass sie alles verändern konnten?

Dazu bedurfte es nur eines Tages und einer halben Nacht. Sintflutartiger Regen, ohne Unterlass strömte er von einem Himmel, dessen Wolken so tief hingen, dass man den Wald nicht mehr sehen konnte .Der Bach verwandelte sich in einen reißenden Fluss, staute das Wasser im Graben zurück und flutete die Wiesen. Aus Pfützen wurden kleine Seen, breiteten sich auch in unserem  Garten aus. Meine Hunde wateten ungläubig in ihnen herum, als ich sie kurz hinauslassen musste. An einen Spaziergang war seit dem Morgen nicht mehr zu denken. Nur allein der kurze Gang zur Aschentonne glich einem Wasserbad, ich war nass bis auf die Haut. Ich rubbelte mir die Haare trocken, zog mich um und setzte mir Wasser für eine heiße Tasse Tee auf. Noch immer unbesorgt schaute ich dem unwetterartigen Regen zu, wie er an die Fenster klatschte. Ich hörte das laute Tosen des Baches. Dann sah ich sie, die Bisamratten. Sie schwammen in unserem Garten. Sie schwammen hier, da, wo  meine Beete liegen, meine Rosenstöcke stehen ? Aus ihren Höhlen vertrieben ? Ich traute meinen Augen nicht. Unser Garten war eine einzige Wasserfläche geworden. Ich fröstelte und zog meine Wolljacke enger um mich.

Die Dämmerung brach früh herein, und plötzlich bekam ich Angst. Mein Mann arbeitete wie immer  in der Stadt, unter der Woche wohnte ich alleine mit meinen Hunden auf unserem Bauernhof. Und noch wollte ich meine Nachbarn nicht zu Hilfe rufen. Was sollten sie auch tun. Aber meine Unruhe stieg, würde das Wasser bis in mein Haus vordringen, hineinströmen? Plötzlich sah ich den Umstand, dass ein zwar langer, aber nicht besonders hoher  Wall den Garten von der Küchenterrasse trennte mit anderen Augen. Gab es hier öfters Hochwasser, war er deswegen angelegt worden ?

Inzwischen tobte ein Sturm draußen, das Wasser in meinem Garten hatte Wellen wie ein aufgewühlter See. Gartenmöbel schwammen  vorbei, die Polsterauflagen, sie verfingen sich an Sträuchern, drehten sich um die Achse, trieben weiter und blieben am Zaun endgültig hängen. Da fielen mir die Hühner ein, ich hatte sie vor lauter Aufregung nicht in ihren Stall gesperrt. Wo mochten sie sein, waren sie auf einen Baum geflogen, hockten sie verängstigt im Stall, war das Wasser hineingeflossen? Ich musste es wissen. Ich verließ das Haus auf der nördlichen Hofseite und  kämpfte mich bis zu ihnen durch. Der Strahl der Taschenlampe reflektierte  im Wasser, das bereits einige Zentimeter hoch an die Stallwand drückte. Sie hatten sich zuhinterst auf ihre Stangen gesetzt, eng zusammengerückt. Gut so, so hoch würde das Wasser nicht steigen. Auch die Schafe waren in Sicherheit, ihr Stall lag weit hinten, ein Stück den Hang hinauf. Unsicher stakste ich zurück, der Sturm trieb mir die Tränen in die Augen, und meine eiskalten Hände verloren fast die Taschenlampe.

Zurück im Haus erwarteten mich meine verunsicherten Hunde, zum zweiten mal brauchte ich trockne Kleidung. Ich ging nach oben, um sie aus dem Schrank zu holen. Ich blickte aus dem Fenster und erstarrte. Wie ein schwarzes , wütendes Tier lag das Wasser über  Beeten und Terrassen, umspülte Baumstämme, war in alle Ecken gekrochen. Und jetzt sah ich es deutlich, das Haus lag wie auf einer Insel. Wasser , soweit ich es bei dieser Dunkelheit ausmachen konnte, Wasser, soweit ich schauen und hören  konnte.

Dann hörte ich die Kühe  vom Nachbarhof brüllen, Lichter gingen an, ich hörte die Menschen schreien, Befehle erklangen. Später erfuhr ich, dass  die Tiere bis zu den Knien im odelverseuchten Wasser standen, das Wasser drückte über die Güllegrube in den Stall. Ich eilte nach unten und spähte aus dem Küchenfenster. Das Geräusch vergesse ich nicht, es gluckste leicht gegen das, was ich den Wall nannte. Das Wasser war da. Und wenn es nur noch wenige Zentimeter steigen würde, dann würde es über die Krone des kleinen Deiches schwappen. Würde nach unten, wie ein Wasserfall strömen, die Platten der schmalen Terrasse  fluten und dann wäre es da, im Haus. Sandsäcke, gab es Sandsäcke in der Scheune ? Ich wusste es nicht. Mit was sollte ich die Ritzen unter der Küchentüre stopfen, würde die Macht des Wassers die Türe aufdrücken ?  Wie hoch würde es steigen ?

Ich rief die Feuerwehr an. Ja, ich hatte im Garten, im Hof, Hochwasser. Nein, im Haus war es noch nicht. Dann würden sie nicht kommen, nein, es gab dringendere Fälle. Ich sollte Sandsäcke legen. Und sie legten auf. Ich war hilflos, verängstigt. Meine Hunde drängten sich dicht um mich herum.

Ich lauschte, hörte das Tosen des Baches durch die geschlossenen Fenster, die Wolkendecke riss manchmal auf, so dass sich ein kalter Mond in den Wassermassen spiegelte. Immer wieder leuchtete ich hinaus, dieses schwarze Tier leckte an meinem Wall, noch einen, oder zwei Zentimeter von der Deichkrone entfernt. Hektisch telefonierte ich mit meinen Nachbarn zur Linken, sie gingen nicht ans Telefon. Klar, sie mussten sich um ihre Kühe kümmern, ich rief die Nachbarn zur Rechten. Sie waren anscheinend nicht zu Hause. Keiner war da. In Panik packte ich Papiere und Handtasche zusammen, und floh mit den Hunden nach oben, in den ersten Stock.

Ich versuchte, mich selbst zur Ordnung zu rufen. Fahr mit dem Auto weg, nein, wagte ich nicht, denn mein Zufahrtsweg stand unter Wasser, wie tief, ich wusste es nicht. Da schaute ich zum Nordfenster hinaus und überlegte, ob ich auf dieser Seite hinauslaufen sollte, nur weg, zu den Nachbarn, irgendwann würden sie doch zu  Hause sein.

Da sah ich sie kommen. Sepp und  Siegfried, Vroni und Resi, meine Nachbarn zur Rechten. In Regenmäntel vermummt, mit Hacken und Schaufeln in den Händen kamen sie den Hang herunter. Sie hatten das Telefon läuten gehört und wussten einfach, die Nachbarin, sie braucht Hilfe.

Ursula Ziemsen

 

Bobby 

Das eben noch heitere Gejohle der übermütigen Kinderschar verstummt für den Bruchteil einer Sekunde. Ein gellender Schrei dringt durch das geöffnete Dachfenster: „ Bobby ist hineingefallen.“  In dem großen Swimmingpool des  Kindererholungshauses versucht der 6-Jährige verzweifelt sich über Wasser zu halten. 
Ich stürme aus dem Zimmer, mehrere Stufen auf einmal nehmend die  Treppe hinab. Auf halber Höhe stolpere ich, stürze und rappele mich so schnell ich kann wieder hoch. Den heftigen Schmerz im Knie ignorierend humpele ich mehr, als ich laufe, dem Ausgang zu.
Das im Wasser kämpfende Kind vor Augen, das Wissen um sein Herzleiden, die panischen Hilfeschreie der Kinder treiben mich an, während ich gleichzeitig  das mechanische Abrollen meiner nackten Fußsohlen wie in Zeitlupe wahrnehme. „ Schneller, schneller...“ pocht es in meinen Schläfen. Den Blick auf den Wasser speienden, mit den Armen heftig rudernden Bobby gerichtet, haste ich  weiter, fühle das nasse Gras des Rasenstreifens, der den Spielplatz von dem umzäunten Pool trennt.
Ich erreiche mit pfeifendem Atem die geöffnete Tür der Umzäunung, als Bobbys schwarzer Haarschopf im Wasser versinkt. Gurgelnd, in Todesangst um sich schlagend taucht er wieder auf. Ich springe ohne zu überlegen, fühle kurz das herbstkalte Wasser. Mit lähmendem Entsetzen kämpfe ich gegen das Gewicht meiner vollgesaugten Kleider an. Ich komme nicht von der Stelle, habe Mühe das keuchende, immer wieder im Wasser verschwindende Kind schwimmend zu erreichen. Es zieht mich nach unten. Mit ganzer Kraft kämpfe ich dagegen an. Mein Rufen : „Ich bin gleich bei Dir “, hört Bobby nicht mehr. Schwer, wie ein Stein sinkt er bewegungslos auf den Grund des Pools.                              D.K.

 

 

 

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