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Welttag des ungespülten Geschirrs

Veröffentlicht am 05.07.2018

 Es gibt viele (unsinnige) Welttage. Wir haben neue dazu erfunden und Geschichten dazu gesponnen.

Der Welttag des ungespülten Geschirrs

Es war spät geworden. Die letzten Gäste gingen in den frühen Morgenstunden. Als ich aufwache, ist es fast halb drei Uhr nachmittags.

Ich schlurfe in die Küche, mache einen Kaffee und setze mich noch im Nachthemd an den Tisch. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, anschließend aufzuräumen und das schmutzige Geschirr zu spülen.

Mein Blick schweift über das Schlachtfeld der Tassen. Gläser und Teller, die in Wohnzimmer und Küche herumstanden. Spülen? Nein.

Vielleicht wollen sie noch gar nicht gespült werden. Vielleicht wollen sie noch ein wenig weiterträumen vom gestrigen Fest, von der ersten Kontaktaufnahme, vom ersten Berühren, von der Wärme des Essens, vom Gefüllt werden, vom Erfüllt sein, vom sich Leeren, von guten Gerüchen, vom sich Finden und wieder Trennen...vom Wohnen, Stehen, Verweilen und Warten...Ich träume mit.

Da stehen die großen Pizzateller, die ich vor dem Eingang eines geschlossenen Lokals entdeckt hatte mit einem Schild daneben: "Zum Mitnehmen!" Die Fenster waren mit Zeitungen verklebt. Ihre Zeit war um. Durch wieviel Hände sind sie gegangen? Wo sind jetzt die Menschen, die von ihnen gegessen haben und was tun sie? Ich habe keinem erzählt, wo ich die Teller herhabe. Muss auch keiner wissen.

Da sind die Wein- und Biergläser. Ich habe mir angewöhnt frühmorgens durch die Gassen zu ziehen. Da stehen sie an den Hausecken und auf den Fensterbrettern, abgestellt und vergessen. Von Betrunkenen einfach zurückgelassen.

Ich sammle sie ein wie aus dem Nest gefallene Vögel; ich spüle sie, poliere sie zu neuem Glanz und reihe sie ein in die Familie der Regalbewohner. Ausgestoßene, Verbrauchte, Heimatlose - alle finden sie bei mir Asyl.

Meine Töpfe sind vom Flohmarkt. Ich warte immer, bis alle ihre Stände abgebaut haben. Das, was nicht verkauft wurde, wird oft in Schachteln verstaut einfach auf den leeren Plätzen zurückgelassen. Waisenkinder, die keiner braucht, abgeschlagen, verkratzt, verletzt oder mit vernarbten Wunden. Die Bremer Stadtmusikanten, zu nichts mehr zu gebrauchen, mit Rissen und Scharten.

Kommt, meine Kinder! Kommt in mein Räuberhaus. Ich gebe eine Party, tobt euch aus, zeigt, was ihr könnt!

Ich lege mich aufs Sofa, strecke mich aus. Jetzt bin ich ein Teller, dann ein Glas. ich liege und warte. Was wird mit mir passieren? Vielleicht kommt jemand, zieht mir das Nachthemd aus, legt mich in die Wanne, trocknet mich ab, cremt mich ein? In neuem Glanz möchte ich betören....

Vielleicht bleibe ich auch einfach liegen.

Tag der Freunde aus Glas, Porzellan, Eisen, Ton, zerfurchter Weide und bedruckter Servietten, Tag der Teller und Tassen, die sich Geschichten erzählen.

Tag der schmutzigen Reste!

Tag des ungespülten Geschirrs!

 

Ilona Haslbauer

 

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